Ausblick über den Main-Taunus-Kreis.

Wo die (Nicht-)Wähler wohnen


In den Wahlkreisen mit der höchsten und niedrigsten Wahlbeteiligung


Ein Beitrag von Christopher Clausen, Sebastian Kolsberger und Niclas Renzel
Zwei Wahlkreise, zwei Regionen, ein großer Unterschied: Bei der Bundestagswahl 2009 gab es bei der Wahlbeteiligung eine Differenz von fast 20 Prozent. Zufall? Eine Spurensuche.
Köthen, eine Kreisstadt im Süden Sachsen-Anhalts. Nahe Bitterfeld. 27.500 Einwohner. An einem normalen Vormittag ist kaum einer auf den Straßen. Eine verträumte, fast belanglose Stadt. Im September 2009 schrieb dieser Wahlkreis Geschichte: 57,7 Prozent Beteiligung an der Bundestagswahl. Die niedrigste in Deutschland.

440 Kilometer südwestlich von Köthen liegt Hofheim am Taunus, Wahlkreis Main-Taunus. 38.500 Einwohner. Auch von denen trifft man unter der Woche kaum einen auf den Straßen. Fast gleichen sich die Bilder. Nur hinter den Kulissen ahnt man gewaltige Differenzen, denn die Menschen scheinen in diesem Wahlkreis politisch aktiver: 79,7 Prozent bei der letzten Bundestagswahl. Spitzenreiter bundesweit.


Neue Länder, alte Länder? Ost, West? Klischees greifen zu kurz, denn Köthen im Osten ist auch barocke Bach-Stadt mit Schloss und kulturell in voller Blüte. Und die Region um Hofheim im Westen ist auch irgendwie Niemandsland zwischen der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden und der Finanzmetropole Frankfurt. Was trägt dazu bei, dass die Wähler in Hessen eifrig an die Urne gehen und in Sachsen-Anhalt nicht? Spurensuche.

Michael Cyriax (CDU) ist eine politische Autorität. Er sitzt in seinem Büro im Hofheimer Kreisamt. Als Landrat. Im Sommer 2011 wurde er gewählt, gerade als am Frankfurter Flughafen die neue Start- und Landebahn eröffnet wurde. Der Airport ist keine 20 Kilometer Luftlinie von Cyriax’ Schreibtisch entfernt. „Die Flugrouten und der Lärm sind unser großes Sorgenkind“, sagt der Landrat. „Die Flugzeuge bedeuten eine Gesundheitsgefährdung für die Anwohner.“

Größere Sorgen kennt die Kommune offenbar nicht. Die Arbeitslosenquote liegt bei knapp vier Prozent, das Pro-Kopf-Einkommen über dem Bundes-Durchschnitt. Die CDU hat die Mehrheit und Firmen wie Ikea, der Rhein-Main-Verkehrsverbund oder der Maschinenbauer Mohr garantieren Prosperität. Macht Geld glücklich?

Auf Spurensuche im Wahlkreis Main-Taunus

Wein, schöne Landschaften, dazu ausgeglichene Menschen. Obwohl es hier die höchste Wahlbeteiligung im Bundesgebiet gibt, sind die Menschen nicht ganz mit der Politik zufrieden



„Ich glaube, dass wir mit der Kaufkraft, die sich die Menschen hier erarbeitet haben, eine hohe Lebenszufriedenheit haben“, sagt der Landrat. „Dadurch haben unsere Bürger mehr Zeit für soziales und politisches Engagement.“ Die Wahlbeteiligung 2009 scheint ihm Recht zu geben.

Winzer Wilhelm Hück

über die Region Main-Taunus


Politische Partizipation also nichts anderes als die Früchte wirtschaftlichen Wohlstands, frei nach Maslow: erst die primären Bedürfnisse, dann die Erweiterung von Perspektiven?

Auch im Stadtparlament von Köthen hat die CDU die Mehrheit. Auch in Sachsen-Anhalt kennt man moderne, zukunftsorientierte Betriebe. Von der Autobahn bis in die Köthener Innenstadt sind es 15 Kilometer. Direkt an der Abfahrt zur Landstraße beginnen die Solarflächen aus dem Solar Valley in Thalheim. Das Unternehmen Q-Cells produziert hier Solarzellen. 2012 drohte die Insolvenz. Q-Cells wurde vom malayischen Unternehmen Hanwha übernommen. Die Arbeitsplätze waren gerettet. Alles andere wäre einer Katastrophe gleichgekommen, denn der Bereich Köthen hebt sich vom Rest des ohnehin ökonomisch wenig privilegierten Sachsen-Anhalt wenig ab: 11,9 Prozent der Erwerbsfähigen sind hier ohne Job. Vor einigen Jahren waren es noch knapp 24 Prozent. In den vergangenen Jahren hat sich die Lage zwar leicht verbessert, die Enttäuschung über die Zustände seit der Wende ist geblieben.

Jugendtreff-Leiter Olaf Schwertfeger

über die Situation in Köthen


„Leute, die am eigenen Leibe erfahren haben, wie sich sozialer Abstieg anfühlt, haben das Vertrauen verloren“, sagt Olaf Schwertfeger. Er ist Leiter des Jugendtreffs „Popcorn“ in der Köthener Innenstadt und macht aus seinem Unmut kein Geheimnis: „Man kann fast den Glauben verlieren“, klagt er. Mit der Stadtsanierung stiegen die Mieten, wegen fehlender Jobs können sich viele Menschen das nicht leisten. Schwertfeger hat schnell eine Schuldzuweisung parat: „Die Politiker denken, dass die Leute so schnell vergessen. Aber das ist einfach nicht so.“

Wie sollten sie das auch vergessen: Wende und Systemumstellung, Verwaltungsreform und Kreisfusion, „es wurde so viel hin- und hergewürfelt. Irgendwann mangelt es dann einfach an Identität“. Diese Unzufriedenheit übertrage sich auf die Kinder. Im Jugendtreff versuchen die Mitarbeiter deshalb, mit Jugendlichen über Politik zu sprechen. Doch weil das Land sparen muss, droht 2015 die Schließung des Treffs. „Wenn das wegfällt, kommt das der Wahlbeteiligung auf keinen Fall zu Gute. Im Gegenteil: Der Frust wird noch größer und die Parteien können dann nicht mal auf 20 oder 30 Prozent zählen“, ist Schwertfeger sicher.

Das werde den Extremisten in die Hände spielen. Im Stadtparlament sitzt schon heute ein Abgeordneter der NPD. „Da sollten die Politiker mal drüber nachdenken“, sagt Schwertfeger.

Das sagen die Wissenschaftler

„Die allgemeine Politikverdrossenheit ist in den neuen Bundesländern stark verbreitet“, sagt Dr. Hedwig Richter, Historikerin an der Uni Greifswald. „Das Misstrauen gegen ‚die da oben’ ist ein klassisches Symptom für die Abkoppelung von der Politik, die sich in der DDR vollzogen hat.“ Gerade in der DDR-Zeit wurden Wahlen dazu genutzt, das Herrschaftssystem zu bestätigen und die Wähler zu disziplinieren. „Häufig gab es kurz vor den Wahlen Veränderungen, um die Bürger an die Urne zu bekommen. Wenn plötzlich die Flure in einer Schule gestrichen wurden, war das ein Zeichen dafür, dass bald Wahlen waren“, sagt Richter. Hinzu komme, dass die Erwartungen an die Wendezeit sehr hoch waren, was auch die hohen Wahlbeteiligungen kurz nach der Wiederverienigung zeigten. Danach kam aber die Enttäuschung: Arbeitslosigkeit, nur langsame Fortschritte. Das schon negative Politikerbild aus DDR-Zeiten lebte weiter und übertrug sich auch auf die Kinder. Wobei Richter feststellt: „Die Demokratie ist auch in den neuen Bundesländern hoch geachtet.“
Für Dr. Dirk Jörke, Privatdozent am Lehrstuhl für Politische Theorien und Ideen an der Uni Greifswald, ist der historische Aspekt zweitrangig. „Regionen mit einer schwachen Sozialstruktur sind generell anfälliger für eine geringe Wahlbeteiligung“, sagt er. Jörke hat sich mit dem Thema Nichtwähler aus politiktheoretischer Perspektive beschäftigt und sieht die Ursachen in den wirtschaftlichen und sozialen Strukturen. „Wenn Sie Münster als Akademiker- und Beamtenstadt und Oberhausen vergleichen, wird es auch hier einen Unterschied in der Wahlbeteiligung von zehn bis 15 Prozent geben“, sagt er.



Derlei Sorgen sind Landrat Cyriax in Südhessen fremd. „Die Ausbildungsquote ist hoch, jeder Vierte hat Abitur. Es gibt von unseren Schülern so viele Aktionen, bei denen ich ,Wow' sage. Das ist der beste Einstieg in die Politik.“ Klingt einleuchtend. Doch auf den ersten Blick widerspricht ihm die Statistik: In Köthen im Osten hatten 2007 sogar 39,7 Prozent der Schulabgänger Abitur. Das ist deutlich mehr als bei den Hessen. Eigentlich wäre das ja ein großer Vorteil. Wo liegt dann das Problem?

Auch das Landratsamt in Köthen liegt in der Nähe eines Flughafens. Hier starten allerdings keine Maschinen mehr. Das Gelände ist ein Gewerbepark, das Landratsamt gehört zu einem ehemaligen Kasernenkomplex, der in den 90er Jahren umgebaut und saniert wurde. Nebenan reißen Bagger noch Baracken ab. Auf der Zufahrt steht ein Schild, das auf ein künftiges Wohngebiet hinweist. Fertigstellung: 1998. Irgendwann müssen sie hier in Köthen den Anschluss verpasst und die Zukunft vorübergehend verloren haben, so scheint es.

Dennoch wird kräftig investiert. Der Rest des ehemaligen Flugfeldes wird inzwischen von einem Gewerbepark belegt, Bagger dröhnen, eine neue Zufahrtsstraße ist im Bau. Es wird viel getan und vieles bleibt noch anzupacken. Die Wahlbeteiligung bleibt niedrig.

„Die Parteien machen sich viele Gedanken darum, junge Menschen zu begeistern. Meist bleibt es aber bei den Gedanken“, sagt Dezernent Volker Krüger. Gebildete junge Menschen suchen andernorts nach Lebensperspektiven. „Diejenigen, denen man noch unterstellen kann, sie gingen zur Wahl, wandern häufig ab“, sagt Krüger. Fast zwei Prozent seiner Bevölkerung hat der Wahlkreis 2009 verloren, fast 5000 Menschen. Die, die bleiben, eint ein Gedanke: Sie finden ihre Heimat und das politische Geschehen hier schlicht langweilig.

Der Main-Taunus-Kreis hingegen wächst, um bis zu vier Prozent im Jahr. Mit der S-Bahn erreicht man von Hofheim die Metropole Frankfurt in 18 Minuten. Die Großstadt bietet genug Möglichkeiten für diejenigen, die von der Piefigkeit der Kleinstädte genug haben.

Auf Spurensuche im Wahlkreis Bitterfeld-Anhalt

Getrübte Stimmung. Verärgerte Menschen. In der Stadt Köthen herrscht eine große Wut auf die Politker und deren Versprechungen


Fast scheint es, als habe Karl Marx doch recht gehabt. Es sei das gesellschaftliche Sein, das das Bewusstsein der Menschen bestimme, nicht umgekehrt. In erster Linie sind es wohl die persönlichen und gesellschaftlichen Erfahrungen, Zufriedenheit und persönliche Perspektiven vor Ort, die über die Bereitschaft und das Interesse an demokratischen Grundrechten wie der Wahlfreiheit entscheiden.
Deshalb hat Schwertfeger recht, wenn er im Jugendtreff in Köthen feststellt: „Mit Parolen sind die Leute nicht mehr abzuholen. Erst mal müssen Taten sprechen."
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