Social Media im Wahlkampf


Das überschätzte Medium


Ein Beitrag von Eva Marie Kogel
Die Aktivitäten der Politiker im Netz werden den Ausgang der kommenden Bundestagswahl viel weniger beeinflussen als vermutet: Nicht einmal jeder fünfte Wahlberechtigte in Deutschland möchte über soziale Medien wie Facebook und Twitter von Parteien und Volksvertretern angesprochen werden. 61 Prozent der potentiellen Wähler geben an, Social Media nicht einmal zu nutzen. Das hat eine Umfrage im Auftrag von wahllos.de und der Initiative ProDialog ergeben.
Social Media ist das Schlagwort der Stunde. Modern ist, wer twittert und seinen Freundeskreis über Facebook pflegt – so jedenfalls die Narrative. Und die hat sich auch in der politischen Kommunikation herumgesprochen. Der Obama-Wahlkampf von 2008 wird dabei oft als Vorbild zitiert. Der Erfolg seiner Kampagne wird vor allem mit dem Einsatz von Social Media zur Wählermobilisierung in Verbindung gebracht. „Online-Kampagnen entscheiden die Bundestagswahl“, verkündete der Branchenverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM) im Mai 2013.

Wir wollten wissen: Spielt Social Media tatsächlich auch in Deutschland eine so große Rolle im Wahlkampf? Können durch den Einsatz moderner Medien Wähler oder gar Nichtwähler mobilisiert werden? Infratest Dimap hat im Auftrag von „wahllos.de“ in einer Kooperation mit der Initiative ProDialog insgesamt 1234 Wahlberechtigte befragt – darunter 483 Nichtwähler oder Unentschlossene.

Das Ergebnis zeigt, wie wenig Relevanz soziale Netzwerke für eine gezielte politische Ansprache haben: Mehr als die Hälfte der Befragten (61 Prozent) gaben an, dass sie soziale Medien oder sogar das ganze Internet überhaupt nicht nutzen. Für die einzelnen Politiker lohnen sich Aktivitäten auf Facebook oder Twitter kaum. Angela Merkel erreicht dort gerade einmal fünf Prozent der Wahlberechtigten. Andere Spitzenpolitiker von Peer Steinbrück (3 Prozent) über Horst Seehofer bis hin zu Jürgen Trittin (je 1 Prozent) schneiden sogar noch schlechter ab.



Was heißt das nun für die politische Kommunikation? Der Social-Media-Experte Martin Fuchs sagt: „In Social Media ist es wichtig, dass man die 2-3% Multiplikatoren, also Journalisten Blogger und politisch Aktive, erreicht, die in ihrem Freundeskreis als politische Fachleute wahrgenommen werden.“

Social Media kann also zur Ansprache der ohnehin Interessierten dienen, die im Netz ohnehin gezielt politische Inhalte konsumieren. „Das Potential von politischen Social-Media-Inhalten entfaltet sich in der Regel dann offline“, erklärt Fuchs weiter, „die Multiplikatoren tragen diese Inhalte dann in die Breite, zum Beispiel beim Gartenfest, beim Bier oder via Zeitung.“



Nach wie vor sind die klassischen Medien, also Fernsehen, Zeitungen und Radio, die beliebtesten Kanäle, um Bürger direkt mit politischen Inhalten anzusprechen. So gaben 70 Prozent der Teilnehmer an, dass sie von Parteien oder Politikern übers Fernsehen angesprochen werden möchten, dicht gefolgt von Zeitungen (65 Prozent) und Radio (54 Prozent).

Die sozialen Medien wie Facebook oder Twitter liegen deutlich dahinter: Auf diesen digitalen Wegen wollen nur 19 Prozent der Bevölkerung informiert werden. Sogar Wahlkampfstände auf der Straße (35 Prozent) und direkte Anschreiben per Post (25 Prozent) sind beliebter. Auch die These, dass Politiker über Social Media wieder frustrierte Nichtwähler erreichen können, lässt sich nach dieser Studie nicht halten.

Nur 12 Prozent der Nichtwähler/Unentschlossenen würden sich durch eine stärkere Diskussion mit Volksvertretern im Netz wieder mehr für Politik interessieren. Social Media gilt als junges Medium. Tatsächlich weisen die Umfrageergebnisse für die Altersgruppe von 18 bis 29 Jahren höhere Werte aus – aber auch nicht in der erwarteten Dimension: Bei den Jungen will die Mehrheit (68 Prozent) übers Fernsehen informiert werden. Die sozialen Medien werden in dieser Altersgruppe von 41 Prozent genannt (bei möglichen Mehrfachnennungen).

Nur wenige hätten stärkeres Interesse an der Politik mit Social Media

Die Frage: "Wenn Sie in sozialen Medien wie zum Beispiel Facebook oder Twitter stärker mit Politikern diskutieren könnten, würde das Ihr Interesse an Politik steigern?" beantworten nur zwölf Prozent aller befragten mit "Ja". Ein großer Teil nutzt entweder keine sozialen Medien oder gar kein Internet. Für eine generelle Steigerung des Interesses an der Politik ist Social Media nicht geeignet.

Datenquelle: infratest dimap für Axel Springer Akademie & Initiative ProDialog



Social Media ist also hauptsächlich ein Instrument für die junge Zielgruppe, was wichtig ist, weil es besonders unter Erstwählern eine hohe Nichtwählerquote gibt. Und genau auch bei den Jüngeren würde eine stärkere Diskussion mit Politikern via Social Media das Interesse an Politik steigern. Das schafft kein anderes Medium und spricht für das Potential von Social Media. Ältere Wähler hingegen liegen außerhalb der Zielgruppe, die sich über Social Media im Bezug auf politische Inhalte erreichen lässt.
  1. facebook

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