Drei Kinder halten Fotos von drei Spitzenkandidaten in die Luft.

Menschen ohne Stimmen


Können Kinder Wahlkreuz?


Ein Beitrag von Niklas Cordes
Wieso dürfen Kinder in Deutschland eigentlich nicht mitentscheiden, wer sie regiert? Das Gesetz schließt sie von Wahlen aus. Aber es gibt Menschen, die das in Frage stellen. Wahllos.de stellt drei Modelle vor, die Kindern eine Stimme geben wollen.
Kinder an die Macht! Aber nicht in Deutschland. Knapp jeder sechste in diesem Land ist unter 18 und darf deshalb auf Bundesebene nicht wählen. Das steht so im Grundgesetz. In Artikel 38.

„Wieso hat ein 90-jähriger dementer Mensch, dessen Kinder für ihn per Briefwahl abstimmen, das Recht zu wählen, aber Jugendliche, die von Wahlentscheidungen sehr viel mehr betroffen sind, nicht?“, fragt Renate Schmidt (SPD). Sie ist 69 und vertrat diese Meinung schon als Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Kabinett Schröder.

Im Namen der Kinder

Schmidt setzt sich für ein Stellvertreterwahlrecht ein. „Eltern handeln in noch wichtigeren Dingen, als es Wahlen sind, stellvertretend für ihre Kinder. Warum sollen Eltern nicht stellvertretend für ihre Kinder wählen?“

Auch Dirk Niebel (FDP) kämpft dafür, dass Kinder mitbestimmen dürfen. Der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zu wahllos.de: „Wer politisch nicht mitentscheiden kann, wird auch weniger gehört. Das Wahlrecht ist ein Grundrecht. Fast ein Sechstel der Bevölkerung in Deutschland sind Kinder. Wir müssen ihnen auch bei Wahlen eine Stimme geben.“

Deshalb setze er sich für ein Wahlrecht von Geburt an ein. Eltern sollten dieses Recht treuhänderisch wahrnehmen können und somit pro Kind eine Stimme mehr erhalten. Damit würden die Interessen von Eltern und Kindern stärker als bisher in den Blickpunkt gerückt.

Das von Schmidt und Niebel geforderte Elternwahlrecht ist nur eines von drei möglichen Modellen, welche die Befürworter des Kinderwahlrechts anstreben. Es gibt noch weitreichendere Forderungen.

Wählen in Windeln?!

Die Organisation K.R.Ä.T.Z.Ä. aus Berlin setzt sich seit Jahrzehnten für ein Wahlrecht von Geburt an ein. Es sei egal, ob sich Kinder mit Politik auskennen oder überhaupt wählen wollen, heißt es auf der Homepage der Initiative, „es geht ja um ein Recht und nicht um eine Pflicht“, genauer um ein Grundrecht, das „nicht an irgendwelche Pflichten gekoppelt“ werden dürfe.

Die Gruppe war 1992 von 20 Enthusiasten in Berlin gegründet worden, die heute im Verein Netzwerk Spiel/Kultur Prenzlauer Berg aktiv sind und Fragen wie „Darf ein Lehrer den Toilettengang verbieten?“ nachgehen.

Abstimmen ab 16

Ein drittes Konzept kann schon mehr Erfolge verzeichnen: die Herabsetzung des Wahlalters. In mehr als der Hälfte der Bundesländer wurde das aktive Wahlrecht bei Kommunalwahlen inzwischen auf 16 Jahre gesenkt. Niedersachsen hatte den Anfang gemacht. In Brandenburg und Bremen gilt das sogar auf Landesebene.



Man hofft, dass sich junge Menschen dadurch stärker für Politik interessieren und sich so früh wie möglich an demokratischen Prozessen beteiligen.

Es geht um Gerechtigkeit

Allen, die das Anliegen Kinderwahlrecht vertreten, geht es auch um Generationengerechtigkeit. Durch den demografischen Wandel wird 2030 jeder dritte Deutsche ein Alter von 60 oder höher erreicht haben. Eine stärkere Teilhabe von Kindern und Jugendlichen an politischen Entscheidungen würde auch die Interessen der jungen Generation in den Fokus der Regierung stellen.

Das bestätigt auch die Sozialwissenschaft: Das Projekt „Göttinger Kinderdemokratie“ des Instituts für Demokratieforschung, das von der Friede-Springer-Stiftung gefördert wird, ist zu dem Ergebnis gekommen: „Ja! Auch Grundschulkinder kann man mit schwierigen Fragen zu Demokratie und Politik konfrontieren.“

Wahllos.de-Reporter Niklas Cordes hat den Test gemacht und Kindern Fotos der aktuellen Spitzenkandidaten gezeigt. Statt Kreuze gab es Punkte zu verteilen. Wer macht das Rennen und wird Kanzler(in) der Kinderherzen?

Kinder an die Urne?

Was passiert, wenn Kinder den Bundeskanzler wählen, seht ihr hier



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