Hans-Joachim Kofeld vor dem Gemeindezentrum der Zeugen Jehovas in Berlin

Ich glaube. Ich wähle nicht


Warum Zeugen Jehovas die Stimmabgabe verweigern


Ein Beitrag von Karina Mößbauer und Susanne Schumann
Ihr Vertrauen in die Menschen ist gering, ein „Königreich Gottes“ soll alle Probleme lösen. Der Berliner Hans-Joachim Kofeld und die Zeugen Jehovas haben eine sehr spezielle Vorstellung von Zusammenleben und Entscheidungsfindung. Sie wählen aus religiöser Überzeugung nicht. Demokratie adé?
"Wenn ihr von der Welt wäret, würde die Welt das Ihre lieben; weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum haßt euch die Welt." (Johannes 15, 19)

Auf diese Bibelstelle berufen sich die Zeugen Jehovas, wenn sie ihre Wahlabstinenz rechtfertigen. Sie verstehen sich nicht als Teil dieser Welt, daher möchten sie auch nicht am politischen Geschehen teilnehmen. Weder aktiv noch passiv. Sie wählen deswegen grundsätzlich nicht.

"Wählen ist eine große Verantwortung. Ich wäre mitverantwortlich für alle Entscheidungen, die eine Regierung trifft“, sagt Hans-Joachim Kofeld. Der 66-Jährige predigt in Berlin, er will missionieren. Hat er Erfolg, schwächt er die Demokratie.

Sein Spitzenkandidat heißt Gott

Jehovas Zeuge Hans-Joachim Kofeld erklärt, warum er kein Wahlrecht braucht


"Wer wählt, muss vor Gott Rechenschaft ablegen"

Für die Zeugen Jehovas gibt es nur eine Regierung: "Gottes Königreich". Die weltliche Regierung wird lediglich akzeptiert. Da der Wahlakt eine Unterstützung bedeutet, lautet das Gebot an die Zeugen: Wahlabstinenz. Von Zwang zur Nichtwahl spricht Kofeld nicht. „Wenn ein Zeuge Jehovas wählen will, ist das seine persönliche Entscheidung. Er muss dafür vor Gott Rechenschaft ablegen.“

Indirekt erklärt der überzeugte Zeuge, dass Wahlteilnehmer nicht zu seiner Glaubensgemeinschaft gehören: „Möglicherweise ziehen die Leute, die wählen gehen wollten, selbst Konsequenzen daraus. Ein Fußballverein muss mit jemandem, der immer wieder den Ball anfasst, ernsthaft sprechen. Dann wird man ihm nahelegen, in das Handballteam zu wechseln.“

Verhältnis zum Staat

Die Staatsferne der Zeugen Jehovas führt jedoch nicht zu einer kompletten Abschottung. In manchen Bundesländern lassen sich die Zeugen Jehovas als nicht-staatliche Körperschaft des öffentlichen Rechts behandeln. Damit verbunden ist ein "Privilegienbündel" mit Vorteilen unter anderem in Steuerfragen oder im Arbeits- und Sozialrecht.

Die Zeugen Jehovas haben in Deutschland rund 165.000 Anhänger, weltweit etwa 7,6 Millionen. In der Gemeinschaft bleiben darf nur, wer sich hingibt und engagiert: Missionierungsarbeit, Gemeindeversammlungen, tägliche Bibelstunden.

Hans-Joachim Kofeld widmet sein Leben bedingungslos den Zeugen Jehovas: Passanten ansprechen, an Haustüren klingeln, auf die biblische Botschaft hinweisen, Informationsbroschüren und die Zeitschrift „Wachturm“ verteilen.

Missionieren als Lebensaufgabe

Seit 55 Jahren ist „Predigen“, wie die Missionierungsarbeit innerhalb der Gemeinde genannt wird, fester Bestandteil seines Lebens. Er fing mit elf Jahren damit an. Heute geht er fünf- bis sechsmal die Woche missionieren. 70 Stunden im Monat.

Mit 14 Jahren wurde Kofeld getauft und damit offiziell in die Sekte aufgenommen. Bewusst haben er und seine Frau, die ebenfalls Zeugin Jehovas ist, auf Kinder verzichtet, um mehr Zeit für die Religionsausübung zu haben.

Zeugen Jehovas leben in und gleichzeitig neben der Gesellschaft: keine Wahl, kein Militärdienst, keine Bluttransfusionen, kein Weihnachts-, kein Oster-, kein Geburtstagsfest. Die Bibel ist die Grundlage ihres Glaubens und das Gerüst ihres Lebens. In ihr finden Zeugen Jehovas Antworten auf all ihre Fragen. Es gilt, ihrem Wortlaut zu folgen. Wer das nicht tut, wendet sich von Gott und damit auch von der Sekte ab.

Gottes Vernichtungsschlag gegen die "Weltmenschen"

Der zentrale Punkt ihres Glaubens ist Harmagedon, der Weltuntergang. An diesem Tag wird Gott seinen finalen Vernichtungsschlag gegen die „Weltmenschen“, wie Nicht-Zeugen innerhalb der Gemeinde genannt werden, starten. Nur diejenigen, die nach den strengen Regeln der Zeugen Jehovas leben, werden überleben. Einige von ihnen werden zusammen mit Gott eine Himmelsregierung bilden.

Bis dieser Tag kommt, sollen möglichst viele Menschen bekehrt werden: „Ich meine, dass ich etwas habe, das andere wissen sollten“, sagt Kofeld. „Ich sehe darin die Möglichkeit, Hilfe anzubieten. Ob die dann angenommen wird, muss natürlich jeder für sich entscheiden.“
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