"Die Ortsvereine werden sich digital neu organisieren"


Interview mit Gesche Joost über Social Media und Politik


Ein Beitrag von Eva Marie Kogel und Paulina Czienskowski
Im "Kompetenzteam" der SPD berät sie Peer Steinbrück in Fragen der Netzpolitik. Als Designforscherin beschäftigt sie sich mit der Vernetzung zwischen Mensch und Technik. Gesche Joost spricht im Interview mit wahllos.de darüber, wie die Sozialen Medien den Politikstil grundlegend verändern werden. Ein Blick in eine Zukunft mit mehr Bürgerbeteiligung.
wahllos.de: Der Umfang Ihres Wikipedia-Artikels wächst stetig, sicherlich ein Zeichen für zunehmende Betrachtung ihrer Person von außen. Beobachten sie das?

Gesche Joost: Ja, das ist sehr lustig. Neulich stand im Wikipedia-Artikel über mich, ich sei Internet-Expertin. Mit diesem Begriff konnte ich so gar nichts anfangen – das Netz ist grundlegende Infrastruktur meiner Arbeit, aber kein „Expertenthema“. Ich bin Wissenschaftlerin und erforsche die Vernetzung zwischen Mensch und Technik. Ich hab das dann getwittert – und eine Minute später hatte jemand den Wikipedia-Artikel schon angepasst, bevor ich ihn überhaupt aufrufen konnte. Das finde ich toll.

Wo sehen sie das besondere Potential von Social Media für die politische Kommunikation? Wird das die Parteienlandschaft verändern?

Es sollte sich vor allem die Durchlässigkeit des klassischen Parteiensystems ändern. Die neuen Medien und ihre Kommunikationsformen ermöglichen temporäre und situationsbezogene Teilhabe. Viele gerade junge Bürger können sich auf diesem Weg entscheiden mitzugestalten - zum Beispiel an einer Aktion gegen Lebensmittelverschwendung teilzunehmen. Das passiert dann nicht aus dem Gefühl einer parteipolitischen Zugehörigkeit heraus, sondern ganz klar themenbezogen. Und jeder wird sich jederzeit überlegen können, wie viel er da mitgestalten will. Gleichzeitig habe ich die Möglichkeit, daraus Folgerungen für die Politik abzuleiten. Politik entsteht so im Dialog.
Social Media und Politik

Gesche Joost erklärt, wie sich Parteien über Soziale Medien besser organisieren können


Wie bewerten sie die Online-Präsenz der deutschen Politiker?

Das ist ein Gebiet, das noch recht neu ist für einige Politiker, die müssen sich da erst einmal reinfuchsen und ihre eigenen Kommunikationswege finden. Ich glaube auch nicht, dass alles über Twitter und Facebook stattfinden wird. Jeder muss für sich überlegen: Was ist eigentlich mein Weg der Kommunikation? Wie schnell will ich überhaupt sein mit meinen Äußerungen? Nicht jeder Politiker muss twittern.

Was raten sie Peer Steinbrück im Hinblick auf seine Social-Media-Nutzung?

Er macht transparent, was zu seinem Alltag gehört. Die Bürger möchten erfahren, was ein Politiker den Tag über macht und welche Themen ihn umtreiben. Die tägliche Arbeit eines Abgeordneten beispielsweise erscheint vielen abstrakt, und diesem Empfinden kann man über Social Media sehr gut entgegen wirken. Ich fände es toll, wenn ein Politiker auf diesem Wege deutlich machen kann, dass er im wahrsten Sinne des Wortes auch ein Vertreter der Bürgerinnen und Bürger ist. Social Media kann einen direkten Draht schaffen, und der ist enorm wichtig. Ein Teil der Politikverdrossenheit kommt ja auch daher, dass man denkt: Politik findet in einem Raum statt, zu dem ich keinen Zugang habe. Und dagegen muss man angehen. Ich selbst nutze dazu Twitter und reagiere, so gut ich kann, auf die direkten Anfragen.

Können Sie da ein Beispiel nennen?

Ein Beispiel dafür, wie sich die Politik über das Netz weiter öffnen kann, ist die stärkere Einbindung von Online-Plattformen zur Mitbestimmung, wie z.B. Adhocracy. Das wurde bei der Arbeit der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ bereits erfolgreich eingesetzt. Kürzlich machte auch eine e-Petition zur Netzneutralität Schlagzeilen, da sie binnen weniger Tage über 70.000 Mitzeichner hatte. Das können neue, ergänzende Formate des politischen Dialogs sein – und die würde ich gern stärker nutzen. Das wäre gerade auch für Nichtwähler interessant, denn hier können sie erleben: Das ist Politik und ich gestalte mit.




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