Diese Schüler dürfen 2013 zum ersten Mal an der Bundestagswahl teilnehmen

Die Ersten werden die Letzten sein


Eine Analyse der jüngsten Nichtwähler


Ein Beitrag von Henrik Jacobs
Sie dürfen zum ersten Mal wählen. Sie können ihre Zukunft beeinflussen. Sie müssen sich entscheiden. Aber sie tun es nicht. Wollen sie nicht? Sie wollen - sagen die Wissenschaftler. Aber warum wählen sie nicht?
Lena Posselt ist 17 Jahre alt. Im August wird sie volljährig. Wenige Wochen vor der Bundestagswahl. An diesem Sonntag im Juni ist sie aus ihrer Heimatstadt Stuttgart nach Berlin gereist. Für die Politik. Für ihre Bildung. Für ihre Meinung. Lena besucht einen Workshop in Kreuzberg. „Wählen. Weil ich´s kann“, heißt das Motto. „Es ist wichtig zu wissen, was in unserem Land passiert. Und ich kann aktiv daran mitwirken, damit sich etwas verändert“, sagt die Erstwählerin.
Paul Orbanski (17) aus der Oberlausitz, Schüler

"Ich wähle, weil ich es kann"


120 Schüler aus Deutschland sind in das Berliner Betahaus gekommen, um über Politik zu diskutieren. Wenn am 22. September dieses Jahres die Bundestagswahl stattfindet, werden viele ihrer Klassenkameraden aber nicht einmal den Weg zum benachbarten Wahlbüro auf sich nehmen. Die Beteiligung junger Menschen an den Bundestagswahlen ist in Deutschland so gering wie in keiner anderen Altersgruppe.

Die Zahlen sinken konstant. 2009 gingen lediglich 61 Prozent der Wahlberechtigten im Alter zwischen 18 und 25 Jahren zur Urne. Das ist der niedrigste Wert in der Geschichte der Bundesrepublik.

Ein Generationenkonflikt?

„Die Politiker finden mit ihren Standardfloskeln keinen Zugang zu den jungen Menschen“, sagt Julie Rothe. Die 28-jährige Berlinerin ist Geschäftsführerin der Politikfabrik, einer studentischen Agentur zur politischen Kommunikation, die 2002 gegründet wurde und an der Entwicklung des beliebten Online-Tools „Wahl-O-Mat“ beteiligt war. Mit ihrem aktuellen Projekt „Wahl Gang 13“ will sie Jung- und Erstwähler für Politik begeistern. „Wir versuchen junge Menschen und Politiker in Kontakt zu bringen und einen direkten Austausch auf Augenhöhe zu ermöglichen“, sagt Rothe.
Berna Sucukcuoglu (18) aus Frankfurt/Main, Schülerin

"Ich wähle, weil ich die Welt mitverändern will"


In den täglichen Polittalkshows des deutschen Fernsehens finde dieser Austausch nicht statt. „Junge Menschen wollen klare Aussagen und Meinungen hören. In den TV-Talkshows gelingt das leider häufig nicht“. Rothe sieht die Ursache der niedrigen Wahlbeteiligung junger Bürger aber auch im demografischen Wandel. „Es gibt immer mehr ältere Menschen, die an jeder Wahl teilnehmen. Das schafft ein Ungleichgewicht in der Politik, in dem die Interessen der Jungen kaum noch wahrgenommen werden“.


Franz Hartmann, Politikwissenschaftler am Göttinger Institut für Demokratieforschung, kennt noch einen weiteren Grund. Den Erstwählern fehle es an Bindungen zu Parteien. „Insbesondere die Gruppe der 18 bis 25-Jährigen misstraut politischen Institutionen und ihren Repräsentanten“, sagt Hartmann. Er versucht das gängige Vorurteil, wonach sich junge Menschen nicht für Politik interessieren, zu entkräften. „Jungwähler begeistern sich für einzelne politische Themen, die aber zeitlich, thematisch und räumlich begrenzt sind“.

"Der Fokus liegt auf den Alten"

Julie Rothe bestätigt das politische Interesse der Jungwähler. „Die Schüler fragen Politiker meist sehr überraschend und unverblümt. Sie wollen klare Antworten auf direkte Fragen“, sagt Rothe. „Sie wollen sich einbringen und gestalten. Hierfür müssen Kanäle geschaffen und Angebote gemacht werden, die auf junge Menschen, ihre Ideen und ihre zeitlichen Möglichkeiten zugeschnitten sind“.
Jan Steinbach (17) aus Frankfurt/Main, Schüler

"Ich wähle, weil Wahlen die Basis unserer Demokratie bilden"


Doch die Realität sieht anders aus. Junge Menschen werden in der Wählermobilisierung der deutschen Spitzenpolitiker vernachlässigt. „Der Fokus der Parteien liegt ganz klar auf der Gruppe der über 50-Jährigen, da diese Gruppe zuverlässiger zur Wahl geht und weniger Wechselwähler beinhaltet“, erklärt Hartmann. Zudem sei das Ergebnis der etablierten Parteien bei den Bundestagswahlen stets das selbe. Während die Grünen bei den Jungwählern traditionell gut abschneiden, haben die konservativen Parteien wie die CDU oder die FDP einen schweren Stand.

Stärkste Kraft unter den Erstwählern war bislang immer die SPD. Bei der vergangenen Bundestagswahl lagen die Werte der Sozialdemokraten in dieser Gruppe aber überraschend 4,9 Prozent unter dem Gesamtergebnis. Laut Politikwissenschaftler Franz Hartmann hatte das aber nichts mit dem damaligen Spitzenkandidaten Frank-Walter Steinmeier zu tun. „Entscheidender war, dass die SPD keine glaubwürdige Macht- und Politikalternative zur vorherigen Regierungszeit der Großen Koalition vermitteln konnte“, sagt Hartmann, der auch für die konstant hohe Zustimmung von Jungwählern für die Grünen eine Erklärung hat.

Wohlhabende wählen Grün

„Die Grünen sind die Partei mit der Wählerschaft, die das höchste Einkommen vorzuweisen hat“. Das Einkommen korreliere in der Regel mit höheren Bildungsabschlüssen. „Politisch interessierte und höher gebildete Jugendliche im Alter von 15 bis 25 Jahren, die ein höheres Interesse an Politik zeigen als ihre Altersgenossen mit geringerer Bildung, ordnen sich seit Jahren üblicherweise etwas weiter links ein“, sagt Hartmann.
Elisa Funke (18) aus Neuenhagen, Schülerin

"Ich wähle, weil ich der NPD weniger Chancen überlassen will"


Viele Schüler, die am dem Workshop der "Wahl Gang 13" teilnehmen, wollen sich noch nicht auf eine Partei festlegen. Wichtiger sei es den Jungwählern, ihre Begeisterung für Politik mit Gleichgesinnten zu teilen. Denn das sei im Schulalltag mit den Klassenkameraden häufig nicht möglich, sagt Anna Lüdcke aus Potsdam.

Die 17-Jährige darf in diesem Jahr noch nicht wählen. Sie freut sich aber schon auf die Bundestagswahl 2017. „Ich will meine Zukunft und die Zukunft meiner Kinder und Enkel mitbestimmen. Dafür zählt jede Stimme.“



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