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Ton an

Auf der Strecke

Eine Multimedia-Reportage

Ich bin 18. Endlich darf ich wählen. Warum lassen sich dieses Privileg so viele entgehen? Auf einem Roadtrip durch die Republik mache ich mich auf die Suche nach Nichtwählern. Und versuche zu ergründen: Was bewegt sie, was läuft auseinander in unserer Gesellschaft?
Von Katharina Weiß

Multimedia: Sarah Borufka, Maria Menzel,
Nils Mertens

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Im Süden

Spezl, Würmchen und der Drang nach Freiheit

Es ist eine große Sache. Wenn man es zum ersten Mal tut, fühlt es sich für viele so an, als wären sie irgendwie ein Stück erwachsener geworden. Egal, wie viel man vorher darüber gehört und gelesen hat. Irgendwann soll aus der Theorie endlich Praxis werden.

Und man will ganz sicher gehen, dass es auch der Richtige ist, für den man sich entscheidet. Jemand, dem man vertrauen kann, der die Führung übernimmt - und ein bisschen was fürs Herz sollte auch dabei sein.

Mein erstes Mal Wählen erwarte ich mit Spannung. In meiner Familie und meinem Freundeskreis in der bayerischen Heimat ist Wählengehen eine Selbstverständlichkeit.

Das Kreuz wird bei uns nicht nur in der Kirche gemacht. Dass ich mein Erstwählerrecht bei der Bundestagswahl am 22. September 2013 nutzen würde, stand außer Frage. Nichtwähler? Ich kannte keinen – höchstens aus dem Fernsehprogramm am Nachmittag.

Verweigerung aus Überzeugung

Doch dann sah ich größere Städte und fuhr in andere Regionen. Dort traf ich auf Menschen, die kreativ und clever sind, ein üppiges Gehalt beziehen, die durch und durch politisch sind – und die sich dem Wählen mit Überzeugung verweigern.

Nicht aus Desinteresse oder etwa, weil sie sich einfach nicht informieren. Sie kommen aus dem Zentrum unserer Demokratie, aus Mittelstandsunternehmen, heilen Familien und haben Studiengänge absolviert, die ihnen eine rosige Zukunft versprechen.

100 Tage vor der Wahl war sich nur jeder zweite Deutsche "ganz sicher", überhaupt wählen zu gehen. Ich will wissen, wer die Gesichter hinter den Statistiken sind. Was glauben Nichtwähler, was bewegt sie, was hält sie ab?

Was bedeutet die rückgängige politische Partizipation für unsere Demokratie, was für uns ganz persönlich? Zeit für eine Reise durch die Republik. Und wo beginnt man eine solche Suche besser als in der eigenen Heimat. Ab in den Süden.

Weltuntergangsregen begleitet mich auf der Strecke nach Bayern. Die Flüsse, die das Panorama unserer Reise säumen, überschwemmen die Landschaft wie ein viel zu großer Wasserfarbklecks. In Neumarkt, einem beschaulichen Städtchen in der Oberpfalz, treffe ich einen, der raues Wetter gewöhnt ist.

Heiko Gärtner kündigte mit Mitte 20 seinen sicheren Arbeitsplatz bei einer Versicherungsgesellschaft, um im ewigen Eis der Arktis die Grenzen des menschlichen Überlebenswillens auszutesten. Er wollte raus aus der deutschen Gesellschaft mit all ihren Bequemlichkeiten, um den Wind der großen weiten Welt zu spüren.

Der Survival-Coach

Trotzdem kam er zurück. Vielleicht, wie er sagt, um „wildes Wissen“ weiterzugeben. Vielleicht auch, weil sein Lieblingsessen, Pizza Calzone, besser schmeckt als Insekten-Salat. Er gründete eine Survival-Schule. Wir müssen wieder eins werden mit der Natur – das ist seine Botschaft.

Von seinen Reisen hat der 35-Jährige nicht nur jede Menge Wissen über Naturheilkunde und Fährtenlesen mitgebracht, sondern auch eine besondere Weltsicht: „Die Stimme der Mehrheit übertrumpft die Selbstbestimmung der Minderheit.“

Wochenlang lebte er bei den polynesischen Maoris, die Beschlüsse nach dem Friedensstifterprinzip fassen: Solange nicht alle einer Meinung sind, gibt es kein Essen und keinen Schlaf.

„Deshalb liegt es im Interesse eines jeden, schnell zu einer friedlichen Entscheidung zu kommen“, erzählt Heiko Gärtner und man stellt sich vor, wie er im Federmantel am Feuer sitzt und gemeinsam mit den Ureinwohnern nach Lösungen für Probleme sucht. Das signalisiert rohe Männlichkeit, Willensstärke.

Für mich hört es sich eher nach Übervorteilung der Stärkeren an. Man diskutiert so lange, bis der Erste vor Erschöpfung umfällt. Und am Ende ist die Keule über dem Feuer wichtiger als jede Entscheidung.

Heiko ist sich seiner Sache jedenfalls sicher. Kinder passen nicht in dieses Leben. Auch mit der Liebe ist es schwer, wenn man nicht weiß, ob man morgen unterm Sternenzelt schläft oder in einer Höhle.

Würmer-Mahlzeit im Wald

Wir stapfen durch den Wald und er zeigt mir, wie man essbare Rinde aus Bäumen schneidet und wo man Holzwürmer aus den Stämmen pulen kann. „Die schmecken nussig und sehen aus wie Sperma. Damit haben die Leute ja auch kein Problem“, sagt Heiko mit seinem zerzausten Grinsen und reicht mir eines der weißen Würmchen rüber.

Er erzählt, dass er viel von älteren Mentoren gelernt habe. So ein Mentor will er auch für andere sein. Ihm schwebt ein "Ältestenrat" vor. Aber wäre ein solches System nicht sehr patriarchalisch geprägt? Sollten sich die Jungen wirklich immer dem Starrsinn der Älteren unterordnen? Und würden dabei nicht auch viele Rechte, für die unsere Vorväter gekämpft haben, auf der Strecke bleiben?

Heiko verfolgt einen Gedanken, der vermutlich sehr von seiner eigenen Ausbruchstimmung geprägt ist: „Die meisten unterdrücken doch ihren Drang nach Freiheit. “ So weit, so gut.

Nur vergisst Heiko, der sich selbst als Alphamännchen sieht, womöglich, dass einige von uns gerne Schafe sind. Dass wir uns wohl fühlen in der Wärme unserer Herde, der wir hinterherlaufen.

Heiko Gärtner Filmporträt
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Postkarten für Politiker

Von einer Reise bleiben nicht nur Sammeltassen, T-Shirts, Fotos und Erinnerungen, sondern meistens auch ein paar Postkarten. Darum werde ich alle Nichtwähler, die ich auf meiner Reise treffe, bitten aufzuschreiben, warum sie nicht wählen gehen.

Am Ende will ich mit denjenigen über diese Botschaften reden, die wir für viele der Probleme verantwortlich machen: unsere Politiker. Wie werden sie reagieren, wenn ich sie mit den Stimmen ihrer Landsleute konfrontiere?

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Die „Schwamm-drüber“-Mentalität

Heikos Aussagen liegen mir – wie seine Holzwürmer – immer noch schwer im Magen, als ich mich auf den Weg nach München mache. Auch wenn seine Argumente weit von meiner Lebensrealität entfernt sind: Es gibt mir zu denken, dass unsere Demokratie nach dem Mehrheitsprinzip nicht die beste aller möglichen Varianten sein soll.

Wir führen Kriege, um anderen Völkern angeblich Recht und Freiheit zu schenken. Aber wenn man sich in unseren eigenen Regierungsgebäuden umschaut, kommt einem natürlich der Verdacht, dass Heiko nicht so Unrecht hat, wenn er von Marionettentheater und Korruption spricht.

Auf der Fahrt fallen mir zwei ganz besondere bayerische Begriffe ein: der „Stenz“ und der „Spezl“. Wer sich an den „Monaco Franze“ aus der gleichnamigen Fernsehserie erinnert, weiß, wie dieser „ewige Stenz“ von einer Affäre in die nächste schlittert. Flankiert wird er dabei von seinem Kollegen Manni, seinem engsten „Spezl“.

„A bissl was geht immer“

Der hilfreiche Kumpan für alle Lebenslagen hat in Bayern Tradition. Ende Mai wurde bekannt, dass 79 Abgeordnete des Bayerischen Landtags Familienmitglieder auf Staatskosten beschäftigt haben. Die Kritik war in der Restrepublik zum Teil harscher als im Freistaat. „Schwamm drüber“, dachte man sich hier.

Auch mein Elternhaus steht im Süden. Ich kann diese Gelassenheit durchaus nachvollziehen. Die eingefleischten CSU-Wähler sitzen auf ihrem Wohl- und Mittelstandsfundament, im Trachtenverein und abends am Stammtisch. Gerade unter Spezln gilt, getreu dem Monaco Franze: A bissl was geht immer.

Wahlbeteiligung in Bayern
Bundestagswahlen
Bayerische Landtagswahlen
Quelle: Bayerisches Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung

Seehofers Amigo-Truppe

Dennoch bleibt die Frage, was der Skandal um Seehofers Amigo-Truppe mit dem Vertrauen der Bürger gemacht hat. Schlucken die Stammwähler auch diese Pille? Und was ist zum Beispiel mit den jungen Großstädtern, den Kreativen und Innovativen.

Die könnten sich nach der Verwandten-Affäre tatsächlich dafür entscheiden, ihr Kreuz an einer anderen Stelle zu machen. Oder eben gar nicht. Wie in der gesamten Republik sank die Wahlbeteiligung auch im Vorzeige-Bayern in den vergangenen Jahren merklich.

Der Bayerische Landtag hat so gar nichts mit der kühlen Seriosität des Bundestags in Berlin zu tun. Gruß hier, Busserl dort – man kennt sich.

Nach der Plenarsitzung beginnt das große Flanieren. Friede, Freude, CSU: In Bayern ist seit Jahrzehnten alles klar. Auch in den vergangenen Wochen lag die CSU in allen Umfragen zur Landtagswahl vorn.

Rückfall in Zeiten des Franz-Josef Strauß

Aber ist die politische Unantastbarkeit nicht längst ein selbstreferentieller Mythos? Gerade für die modernen Bayern, die den Rest der Welt kennen, aber ihre Wurzeln lieben, wirkt die Spezl-Affäre wie ein Rückfall in die goldenen Zeiten des Franz-Josef Strauß.

Einer, der im Jahr 2013 mittendrin steckt, ist Franz Pschierer. Der Staatssekretär des Finanzministeriums hatte seine Frau seit 1995 für 625 Euro im Monat beschäftigt. Er verkörpert den CSU-Charmeur, den meine Eltern wählen würden: solides Studium, katholisch natürlich, verheiratet, zwei Kinder.

Franz Pschierer: „Wir haben alle Fehler gemacht“
Seehofer, Herrmann, Söder, Pauli: Umfrage im Landtag

Franz Pschierer und die Risse im Vertrauen

Nach der Sitzung treffen wir Pschierer vor dem Plenarsaal. Als sich die Republik über die Verwandten-Affäre entrüstete, kündigte er an, 42.000 Euro zurückzuzahlen. „Es tut mir leid, wenn die Leute jetzt enttäuscht sind.“

Er weiß um die Risse, die das Ganze im Vertrauen der Bürger zu ihren Politikern hinterlassen hat. Und er weiß um die Sympathiepunkte, die er mit der Rückzahlung kassiert.

Als er von seinem 18-jährigen Sohn erzählt, der genau so wie ich im Herbst zum ersten Mal wählen gehen darf, blinzelt er freudig und sagt: „Er sollte schon deshalb wählen gehen, damit der Arbeitsplatz seines Vaters gesichert ist.“ Aber was, wenn solche Scherze beim Wähler nicht ankommen?

Seehofer fordert Mitbestimmung

Horst Seehofer gibt sich die Ehre, der Mann, der für seine vermeintlich achtlos hingeworfenen Bemerkungen bekannt ist – und sich wahrscheinlich jede davon genau überlegt.

Seiner Meinung nach verpassen Nichtwähler "die Chance zur Mitbestimmung". Das mutet gerade in Bayern ein bisschen ironisch an, kann man sich hier doch im Grunde zwischen genau zweierlei entscheiden: der CSU und den Verlierer-Parteien.

So war es jedenfalls in der Vergangenheit. Aber reichen Sätze wie die von Seehofer, um Wähler in Zukunft zu erreichen?

Großstadtaffen ohne Freiheitsdrang?

Nach weiteren Interviews, die mir diese Frage auch nicht richtig beantworten, sitze ich wieder im Auto. Die Sonne versinkt hinter den Türmen der Frauenkirche. Ich kuschle mich auf den Rücksitz und frage mich, was ich von dieser ersten Station meiner Reise mitnehme.

Heiko Gärtner glaubt, wir seien Großstadtaffen, die ihren Freiheitsdrang unterdrücken. Und sich dabei immer irgendwie unterwerfen: dem Job, den Normen, dem ganzen System, das von Mehrheitsentschlüssen geprägt ist. Ist der kleinste gemeinsame Nenner wirklich das größte Übel?

Ich muss mehr sehen. Ich muss eine verlorene Stimme finden, die näher an meinem eigenen Leben ist. Zum nächsten Kapitel