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Ton an

Im Osten

Erst Party, dann Politik?

Es geht zurück in meine zweite Heimat. Berlin ist für Zugezogene wie ein Haufen quietschbunte Bonbons, mit tausend Farben und Geschmacksrichtungen.

Hier will ich endlich auch mal eine Frau finden, die mit mir über das Nichtwählen spricht. Schließlich gibt es mehr Frauen unter den bundesweiten Nichtwählern als Männer. Dennoch trauen sie sich oft nicht, das laut zu sagen. Über das Warum kann ich nur spekulieren. Vielleicht aus Angst, dass es nicht fundiert genug klingt?

Als ich während meines Roadtrips auf den Straßen nachfragte, fiel mir immer wieder auf, dass sich Frauen oft hinter ihren Männern versteckten und lieber sie reden ließen. Das Mädchen, mit dem ich mich hier treffe, ist anders. Sie sagt, dass sie keine Polit-Expertin ist – und sie sagt ihre umstrittene Meinung.

Suse – von der Politik vergessen

Susanne Röber, oder „Suse“, wie sie genannt wird, hat bei der letzten Wahl die Linken gewählt – es war ihre erste Wahl. Damals war für sie klar: Endlich volljährig, endlich wahlberechtigt. Ihre Eltern sind feuerrote Stammwähler. Dass sie aus dem Osten kommt, sei für sie politisch aber kein Thema mehr. Die Linke ist in ihrer Heimat das soziale Gewissen. Ein Kümmerer.

Suse kommt aus einem Dörfchen bei Neuruppin, wohnt aber mittlerweile in der Hauptstadt, unweit der Party-Szene. So richtig Vertrauen hat sie in keine Partei. „Man wählt immer das kleinere Übel." Mangelnde Überzeugung als Grund für die Wahlverweigerung?

Suse hat Sicherheitsmanagement studiert und setzt gerade noch einen Master drauf. Drei Tage in der Woche ist sie an der Uni, an den anderen arbeitet sie. Muss sie auch, denn BaFög bekommt sie nicht.

„Merkel ist eine tolle Frau“

Neben Job und Uni bleibt kaum noch Zeit für Privates – ein Grund dafür, warum sie sich als Studentin von der Politik vergessen fühlt und im September nicht wählen gehen wird. Es gibt wenige Politiker, die sie sympathisch findet. Aber es gibt sie. „Angela Merkel macht einen grandiosen Job. Sie ist eine tolle Frau.“

Die wahre Errungenschaft von Merkels bisheriger Amtszeit ist die Tatsache, dass man Frauen nicht nur aufgrund ihrer Weiblichkeit hervorhebt.

Dass sich die deutsche Gesellschaft nach Guttenberg zunehmend auf Inhalte und weniger auf die Zirkus-Show rhetorisch begabter Alpha-Männchen konzentriert, ist zwar positiv. Aber auch hier gilt: An allem klebt ein Preisschild.

Wir verzichten auf das leidenschaftliche Streiten, auf Details aus dem Privatleben, auf Fehler – alles, was Politiker nahbar machen würde. Vielleicht ist die deutsche Politik bald nicht mehr entweder nur „weiblich“ oder „männlich“. Aber momentan ist sie sehr weit davon entfernt, menschlich zu sein.

"Ich finde es unsympathisch, wenn sich die Politiker untereinander so anzicken“, sagt Suse. Statt eine gemeinsame Lösung für Deutschland zu suchen, picken sich die Regierenden gegenseitig die Augen aus. Das kommt nicht gut an beim Volk.

Geht es zu rau und männlich zu?

Als ich nach dem Abi zwei Monate lang Europäische Ethnologie studierte, traf ich viele Mädchen wie Suse. In ihrer DVD-Sammlung finden sich Filme wie „Inception“ und „Herr der Ringe“, am Schrank hängen Magazinbilder von ihrem Lieblingsschauspieler Ryan Reynolds und auf einer Wand ihres WG-Zimmers steht mit roter Farbe gepinselt: „Der frühe Vogel kann mich mal“.

Während wir weitergehen und reden, wird mir bewusst, dass viele von den stummen Nichtwählerinnen nicht grundsätzlich desinteressiert sind an politischen Themen – auch jene in meinem Bekanntenkreis nicht, die erst nach einem Glas Wein ihre Meinung sagen.

Geht es vielleicht immer noch zu rau und zu männlich zu? Ist das Aussehen von Frauen immer noch oft relevanter als das, was sie sagt - und ihre politische Meinung unangenehm, wie Julia Schramm, Ex-Spitzenpolitikerin der Piraten, sagt? Dass Frauen ihr Engagement dann lieber außerhalb einer Partei investieren ist nur logisch, meint sie.

Vom Partyviertel in die Politik?

Wir haben in unserer Generation auch keine richtige Begrifflichkeit mehr für den Feminismus. Wie konnte es kommen, dass so viele junge Frauen sich davor scheuen, öffentlich ihre Meinung zu sagen?

Suse und ich wandern den Simon-Dach-Kiez entlang und bestellen Drinks in einer Bar, die dem Wohnzimmer meiner Großmutter ähnelt. „Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob Nichtwählen die richtige Entscheidung ist“, sagt sie und nimmt einen tiefen Schluck.

Für die Zukunft wünscht sie sich einen sicheren Job, einen süßen Typen und irgendwann vielleicht Kinder. Wenn das Studium und die Zeit im Partyviertel der Stadt vorbei ist, werden sich viele von uns auch politisch umorientieren.

Dann ist auf einmal die Partei spannend, die niedrigere Einkommenssteuersätze oder höheres Kindergeld verspricht. Themen, die man mit Anfang 20 für existenziell hält, verkommen mit Mitte 30 zu einem schwachen Glühen. Und umgekehrt. Möglicherweise wird auch Susanne Röber eines Tages wieder mitreden wollen.

Susanne Röber Filmporträt
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