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Ton an

Im Westen

Nirvana, Nostalgie und ein Hippietraum

Ich verlasse den Norden und mache mich auf den Weg ins Rheinland. Zuerst lande ich in Köln. Nicht nur der Frohsinn, auch die Brauereikultur dort gefällt mir gut. Die Nähe zum Pott spürt man, wenn man mit den Leuten über Politik diskutiert.

Hier wählen viele seit Jahrzehnten die SPD. Sie haben sich das Rot der Arbeiterklasse auf die Fahnen geschrieben, selbst wenn sie längst gut verdienen: Man genießt die Nostalgie.

Köln ist seit vergangenem Jahr offiziell eine Millionenstadt. Die Unis sind modern ausgestattet, das Nachtleben attraktiv. Die Medienbranche in Köln zieht die pragmatischen Kreativen an, die vielleicht in Berlin keinen Platz mehr finden.

Einer von ihnen ist Christoph Thormann. Ich lerne ihn zufällig vor einer Bar kennen. Ein Straßenmusiker spielt Nirvana, die Gläser klirren und der Designstudent erzählt mir, dass er im September nicht zur Wahl gehen wird.

„Ist uninteressant, ich habe einfach keine Lust.“ 22 ist er, ein witziger Typ, guter Musikgeschmack, hat den totalen Surferboy-Look und Abitur. Warum geht so einer nicht zur Wahl?

Das will ich genauer wissen, wir verabreden uns für den nächsten Tag bei ihm zuhause – einem Wohnwagen. Das Ding ist ein Erbstück seines Großvaters und steht auf einem Industrieparkplatz im Schatten von Thyssen Krupp. „Ich würde mich nicht als Aussteiger bezeichnen“, erzählt er, „und zwar weil ich noch nie eingestiegen bin.“ Er meint eingestiegen in den Mainstream-Zug.

Wenn ihn die Abenteuerlust packt, steigt er schon eher in sein Wohnmobil und lebt seinen Hippietraum. Ich fühle mich wohl hier. Chris ist die Inkarnation der Märchenfigur Peter Pan. Er möchte nicht erwachsen werden. „An der Politik mag ich vor allem nicht, dass sich immer alle streiten. Es sollte mehr Liebe geben, mehr Solidarität.“ Verträumt sucht er mit den Augen den Himmel ab. Aber was sucht er da?

„Politik ist wie ein schlechter Film“

Dann zeigt er mir ganz aufgeregt, was er zur Zeit bastelt und sammelt: FlipFlops aus Autoreifen. Er malt gern, macht Musik mit seiner Band. Hawaiketten und ein Actionman schmücken sein Armaturenbrett. „Es gibt viel schönere Dinge im Leben. Politik in Deutschland ist wie ein schlechter Film“, sagt er. „Alles schon mal gesehen.“

Wir sitzen unter seinem Wohnwagen-Vordach und rauchen. Er drückt mir eine Trommel in die Hand und ich klopfe einen Beat, während er mit einer Bürste hingebungsvoll seine Rosen gießt.

Ich schließe ihn in mein Herz und denke mir: Chris steht für einen Teil meiner Generation, einen Teil, der sich vor allem in den Kreativmetropolen der Republik heimisch fühlt. Markenzeichen: ausgeprägtes soziales Gewissen. Zumindest glauben wir das zu haben.

Femen-Workshops und vegane Supermärkte

Wir sind eine politische Generation, auf unsere ganz spezielle Art und Weise. Deshalb kultivieren wir unsere Problemkonversation. Wir lassen uns beim Femen-Workshop zu Nacktprotestiererinnen ausbilden, kaufen in veganen Supermärkten und diskutieren die Geschehnisse im Nahen Osten bei Twitter.

Wir halten es für Freiheit und Individualität, wenn wir bei Start-Up-Unternehmen unbezahlte Praktika machen. Unser demokratisches System aber ist nur selten Teil unserer Überlegungen und Tagträume. Warum? Weil unsere Rechte für uns selbstverständlich sind?

Ich denke darüber nach, warum ich zumindest verstehen kann, dass sich Chris zum Nichtwählen bekennt. Politikberichterstattung ist auch für mich oft eine Qual. Wir sind durch Werbung und soziale Medien kaum noch dazu fähig, uns lange auf ein fade präsentiertes Thema zu konzentrieren. Wenn die Zeitungen über Politik schreiben, gibt es keine aufploppenden Videos, keine fetzige Musik, keine Pointen.

Muss Politik anstrengend sein?

Manchmal beneide ich die Amerikaner um ihre Wahlkampf-Shows. Wir Deutsche haben historisch bedingt wahnsinnige Angst vor mitreißenden Reden, polarisierenden Bildern und der ikonischen Verehrung von Politikern. Und das ist gut so.

Politik muss anstrengend sein. Eine gute Show würde doch nur dazu führen, dass wir der Verführung durch jenen Kandidaten erliegen, der die besten PR-Berater und Grafikdesigner hat. Oder?

Christoph Thormann Filmporträt
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Wahlbeteiligung in Chorweiler
Verhältnis der Wähler und Nichtwähler im Stadtteil Chorweiler bei den Bundestagswahlen 2009 Datenquelle: Stadtverwaltung Köln

Bundestagswahl 2009 in Köln-Chorweiler
Datenquelle: http://www.stadt-koeln.de/wahlen/bundestagswahl/2009/wahlpraesentation/index.html?ansicht=4&stimme=1&kl=1&wk=23&st=12&typ=4&id=12

Zwischenstopp: Köln Chorweiler

Würden wir uns im Alltag mehr für Politik interessieren, wenn wir - wie viele Menschen - ohne die Fürsorge des Staates kaum überleben könnten? Dieser Gedanke begleitet mich auf den letzten Metern, bis wir unsere nächste Station im Rheinland erreichen.

Im Kölner Stadtteil Chorweiler war die Wahlbeteiligung bei der letzten Bundestagswahl 43,3%.

Straßenumfrage: Resignation in Köln-Chorweiler
Porträt eines Voluntaristen: „Wir schaffen den Staat ab“

Korpulente Mütter und junge Mädchen mit Kopftuch schieben sich über den kargen Pariser Platz von Chorweiler. Ein paar Männer sitzen auf einer Bank, rauchen, kauen auf den Fingernägeln und glotzen auf das, was da so passiert oder eben auch nicht. Viele Bewohner sprechen kaum Deutsch.

Ein paar Gesichter von „ProKöln“ tauchen auf. Die Männer verteilen Flyer. Vermutlich in der Hoffnung, ein paar resignierte Deutsche einzufangen, die die Schuld an ihren Lebensumständen auf den hohen Migrantenanteil schieben. „Wir wollen dafür sorgen, dass so eine hübsche Frau in fünf Jahren kein Kopftuch auf der Straße tragen muss!“ sagt einer von ihnen. Mir tun die Leute hier auf einmal leid.

Größer könnte der Kontrast kaum sein. In der Ruhestands-Puppenstube Hilden bei Düsseldorf treffen wir wenig später Helmut Keller. Nachdem sich die letzten Gespräche vor allem um Desinteresse gedreht hatten, will ich mit jemandem sprechen, der sein Nichtwählen mit einem gedanklichen Konzept verbindet. Mit jemandem wie Helmut Keller.

Das Weltbild der Voluntaristen

Der Psychotherapeut und Hobby-Philosoph hat sich vom Wählen verabschiedet, nachdem er auf die Voluntarismus-Theorie gestoßen war. Sie besagt, dass der Staat Gewalt ausübt, indem er individuelles Recht und individuelles Eigentum - zum Beispiel über Steuereinnahmen - erzwingen kann. Verweigerung wird bestraft, deshalb ist die Herrschaft des Staates für Voluntaristen prinzipiell illegitim.

„Ich glaube, dass Menschen auch ohne Zwang friedlich zusammenleben würden, aus einer freiwilligen Entscheidung heraus“, sagt Keller. Die staatliche Willkür mache es aber fast unmöglich, sich zu wehren. „Ich würde das auch keinem empfehlen, dafür ist das System zu mächtig“, erklärt der Familienvater und erinnert mich dabei an meinen Erdkundelehrer. Sportschuhe, die Haare schulterlang, 80er Schnitt. Er weiß, dass er mit seiner Meinung aneckt. Er sagt sie gern – auch wenn er sich vor der Kamera nicht so richtig wohlzufühlen scheint und nicht mit seinem richtigen Namen zitiert werden will.

Seine Idee vom Voluntarismus ist nicht unlogisch – aber ist sie auch praktikabel? Auch ich finde, dass ein Zusammenleben ohne Staatsgrenzen und Auflagen das Ideal wäre. Wenn wir Menschen endlich bereit wären, die Friedfertigkeit in uns über Egoismus und Gier zu stellen. Deshalb glaube ich, dass es wichtig ist, dass es Menschen wie Helmut Keller gibt, Menschen, die das in Frage stellen, was man aus Gewohnheit als völlig normal ansieht – die Demokratie. Zum nächsten Kapitel