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Ton an

Im Norden

Vom Wahlhelfer zum Nichtwähler

Neun Stunden auf der Autobahn, einmal quer durch Deutschland. Ich war noch nie an der deutschen Küste. Alles verschwimmt im Flackern der Autobahnlichter, die Raststätten zischen vorbei. Wo sind meine geliebten Berge? Was ich hier sehe, ist nur flaches Land.

Ich warte auf das Meer. Für mich war das immer der Ort, an dem andere ihre Neurodermitis kurieren. Die stürmische See begleitet das Leben der Menschen. Die Zeit wird im Takt von Ebbe und Flut gemessen.

Früher lebten die meisten hier von der Fischerei – wachsende Märkte, wachsender Bedarf. Heute ist das Meer leer. Und die Jugend scheint die Flucht ergriffen zu haben.

Der ehemalige Fischerhafen von Neuharlingersiel wird von Rentnern bevölkert, die Erdbeereis löffeln. Der Region geht es gut – anders gut als früher. Aber wirklich los ist hier nichts. Und dann sehe ich zum ersten Mal die Nordsee. Schön ist es hier, wie bei Rosamunde Pilcher.

„Die verteilen das Geld mit der Gießkanne“

Ein Ostfriese empfängt mich am Hafen von Neuharlingersiel. Niedersachsen gehörte zu den vier Bundesländern mit der höchsten Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2009. Aber die Stimmung ist durchwachsen. Mein Ostfriese hat einen Seebären-Schnauzbart und heißt Martin Bengen.

„Die in Berlin verteilen unser Geld mit der Gießkanne.“ Er wählt seit 20 Jahren nicht mehr. Lieber lange ausschlafen und die Sonne genießen. 2018 läuft sein Personalausweis aus. „Dann bin ich hier raus, wandere rüber zur Algarve“, sagt Bengen, der mit seinem nordischen Charme in einen Heimatfilm passen würde.

Der 58-jährige ist hier kein Unbekannter. Als kaufmännischer Leiter der Fischereigenossenschaft gehört er zum Inventar des Ortes.

Hinaus aufs Meer

Wir klettern auf die „Lulu Meinders“, einen kleinen Fischkutter, und fahren auf das Meer hinaus. Herr Bengen kommt in Plauderlaune, und ich höre jede Menge Seemannsgarn.

Dann wird es interessant: Herr Bengen hat hat früher als Wahlhelfer ehrenamtlich im Wahllokal mitgearbeitet, er war Schriftführer. Aufgehört hat er damit, als er sah, wie die Wahlversprechen nach Antritt von den Politikern abfielen wie Blätter von den Bäumen im Spätherbst.

Aber kann das schon ein Grund sein aufzugeben? Es gehört doch zum Leben dazu, dass die anderen nicht immer so handeln, wie wir uns das vorstellen. Gerade in der Pubertät denkt man sich oft: Keiner wird so ungerecht behandelt wie ich!

Wenn man 16 ist und so empfindet, dann streitet man sich mit den Eltern, schwänzt die Schule oder betrinkt sich. Manche verschwinden in einer Subkultur, weil sie nicht so weitermachen wollen wie die verhassten Mitschüler. Aber ist dieses „Ich mag einfach nicht mehr!“ nicht eine ziemlich schwache Begründung, später im Leben?

Martin Bengen Filmporträt
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Utopie und Illusion

Ich mache es mir natürlich auf eine Art leicht, wenn ich das „Ich mag nicht mehr!“ von Herrn Bengen als kindische Sturheit abtue. „Wer mit 19 kein Revolutionär ist, hat kein Herz.
Wer mit 40 immer noch ein Revolutionär ist, hat keinen Verstand“, sagte Theodor Fontane.

Und auch ich glaube mit der Unerschütterlichkeit einer 18-Jährigen daran, dass ich die Welt verbessern kann. Wenn ich mit Freunden von der Zukunft schwärme, erglühen Vorstellungen im weichen Licht einer Utopie, die nur das Beste und Gerechteste für jeden bereithält.

Aber Herr Bengen ist schon ein paar Jahre länger auf der Welt. Die Macht der eigenen Stimme? Längst als Illusion entlarvt. Die Erfahrung des Alters relativiert die Relevanz der Dinge – und er ist überzeugt: „Meine Stimme, diese eine Stimme bewegt gar nichts.“ Er geht damit den Weg des geringen Widerstands, obwohl er doch ansonsten ein wenig stolz ist auf seinen Außenseitercharme.

Veränderung ist möglich!

Viele Menschen fühlen sich in diesen Tagen von der Politik an der Nase herumgeführt, sind enttäuscht, wenn nach der großen Wahlkampfshow die Masken fallen – alle vier Jahre wieder. Die Selbstbestimmung leidet unter Entscheidungen, die „von denen da oben“ getroffen werden.

Aber das ist der bequeme Weg. Und die Waffen niederzulegen war noch nie der Weg der Jugend. So wie desinteressierte Hipster gehören eben auch digitale Kämpfer wie Anonymous zu unserer Zeit. Dass der Amerikaner Edward Snowden seine Existenz riskierte, um der Welt mitzuteilen, dass Obamas Regierung ihre Bürger bespitzelt, zeigt, dass Veränderung möglich ist. Durch einen Einzigen. Durch eine Stimme. Zum nächsten Kapitel